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| Added Date | 06 November 2017 19:16:34 |
| Modified Date | 29 June 2022 11:56:21 |
Kurzbeschreibung
Der letzte Sproß einer alten indischen Gewürzhändlerdynastie, Moraes Zogoiby, genannt Moor, erzählt die aberwitzige Geschichte seiner Familie. Sie beginnt mit Moors Urgroßvater Francisco da Gama, dessen Tod in den stürmischen Wogen der Südindischen See einen unheilvollen Familienzwist hervorrief und später sogar einen gigantischen Sippenkrieg entfesselte, weiter hören wir vom maurischen Sultan Boabdil, der im Jahr 1492 aus Spanien vertrieben wurde und mit einem letzten Seufzer über den Dächern Granadas das Ende der arabischen Herrschaft in Spanien beklagte; und, glaubt man der Familienlegende, könnte just dieser Maure der Urvater der Zogoibys gewesen sein. Rushdie führt den Leser in eine wunderbar fremde und farbige Welt und schreibt gleichzeitig eine Chronik des modernen Indiens.
Ausgezeichnet mit dem Whitebread-Preis für den besten Roman des Jahres
Auszug aus Pressestimmen:
..... Auch in „Des Mauren letzter Seufzer“ provozierte er dann gleich wieder einen heiklen Gegner, in diesem Fall die erwähnten indischen Hindu-Nationalisten; die Figur des Raman Fielding ist ein kaum verbrämtes Porträt von Bal Thackeray, dem Gründer und Führer der radikalen hinduistischen Shiv-Sena-Partei. Der indische Zoll hielt Exemplare des Romans einige Zeit an der Grenze zurück, was Rushdie als Form der Zensur brandmarkte. Aber dieser Konflikt eskalierte nicht weiter.
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Das Englisch, das die Briten einst in den Orient getragen hatten, brachte Rushdie, versetzt mit scharfem indischem Gewürz, nach Großbritannien zurück. Hier sprach kein Brite, aber hier sprach auch kein Kolonialuntertan, sondern ein selbstbewusster Erbe des Empire, dessen Identität sich aus beiden Quellen, der indischen wie der englischen, speiste.
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Auch in „Des Mauren letzter Seufzer“ finden sich noch die Spuren dieser Konfrontation mit der Kolonialgeschichte, vor allem in der ersten Generation des Clans, dessen Aufstieg und Niedergang Rushdie über den Zeitraum eines knappen Jahrhunderts nachzeichnet. Francisco und Epifania, die Urgroßeltern des Erzählers, zerstreiten sich über ihre Haltung zu den Briten, wobei Epifania argumentiert: „Was sind wir denn, wenn nicht die Kinder des Empire? Alles haben die Briten uns gegeben – oder? Zivilisation, Recht, Ordnung, viel zuviel.“
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Doch Rushdies Roman ist nicht auf die Kolonialerfahrung fixiert; die Briten werden vielmehr von der alle Erfahrungen dominierenden Macht herabgestuft zu einer Gruppe unter vielen, welche die indische Kultur und Gesellschaft geprägt haben. Über den anglikanischen Priester Oliver D’Aeth, der buchstäblich allergisch gegen Indien ist, schüttet Rushdie seine ordinärste Häme aus und lässt ihn dann beiläufig in einem knappen Absatz krepieren – er schwitzte „noch einmal gewaltig und verschied“. So wendet sich „Des Mauren letzter Seufzer“ ab von der Dichotomie Kolonialherr/Kolonialuntertan, die bis dahin für die Literatur der imperialen Ränder (auch für Rushdies eigene Romane) bezeichnend gewesen war – und die in ihrer Bezugnahme auf das ehemalige politische und kulturelle Zentrum Britannia unweigerlich dessen Bedeutung bestätigt hatte.
Dieser Abschied von der Dominanz der Kolonialgeschichte ist die wichtigste Errungenschaft von Rushdies Roman. Das Empire schreibt nicht mehr zurück; das Empire schreibt.
Rushdie gewinnt dadurch einen differenzierteren Blick auf sein eigenes Herkunftsland, und er arbeitet klarer als je zuvor heraus, dass nicht erst der britische Einfluss zu einer Hybridisierung der indischen Identität geführt hat, sondern diese schon lange vorher keine Einheitlichkeit und Eindeutigkeit für sich beanspruchen konnte.
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Nachwort von Susanne Weingarten in einer anderen Ausgabe