Sarajevo, 28. Juni 1914. Vidovdan, der höchste serbische Feiertag. Es ist glühend heiß. Die Straßen sind überfüllt in Erwartung des Konvois des österreichischen Thronfolgers. Die Stimmung ist aufgeladen. Dann: Terror. Bomben explodieren, Schüsse fallen. Der österreichische hronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie fallen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo einem Attentat zum Opfer. Der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer (Florian Teichtmeister) erhält die Chance seines Lebens. Wenn Pfeffer die Untersuchung des Attentats rasch über die Bühne bringt, steht sein Weg nach Wien offen. Er vernimmt die serbischen Attentäter und soll die Anklage vorbereiten. Die Fakten scheinen klar und Oskar Potiorek (Erwin Steinhauer), Feldzeugmeister und Statthalter in Bosnien-Herzegowina, will Berlin und Wien mit einem eindeutigen Kriegsgrund ausstatten. Doch Pfeffer stößt auf Widersprüche. Die offizielle Version des Anschlags kann nicht stimmen.
Der Film ist eine Fiktion. Eine Erzählung über den Weg in den Ersten Weltkrieg. So ist es nicht gewesen, so ist es nicht passiert, wie das tödliche Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo am 28. Juni 1914 die Völker Europas in die große, vielerorts herbeigesehnte Schlacht stürzte. Ein Schlachten ist es geworden, 17 Millionen Tote, ein Zeitalter ging unter.
Es hätte so sein können, so viel Anleihe nimmt die Produktion an den historischen Fakten. Und löst sich davon, indem Schlüsselmomente zur Rahmung einer charakterbezogenen Geschichte verwendet werden. Ein kleiner Untersuchungsrichter, Dr. Leo Pfeffer (Florian Teichtmeister), soll die Attentäter finden. „Es ist offensichtlich, dass die serbische Regierung hinter diesem Attentat steckt und Sie, Dr. Pfeffer, werden das beweisen“, so lautet der Auftrag von oben. Die Kriegstreiber in Wien und Berlin benötigen einen wasserdichten Bericht, um zu beweisen, dass gegen Serbien losgeschlagen werden muss. Pfeffer macht sich an die Arbeit, eingezwängt zwischen Pflicht und Moral, zwischen seinem Bekenntnis zu Österreich-Ungarn und seiner argwöhnisch betrachteten Herkunft als kroatischer Jude; und hin- und hergerissen ist er zwischen der Vernunft, diese berufliche Chance zum Aufstieg zu nutzen, und der aufflammenden Leidenschaft zur schönen Serbin Marija (Melika Foroutan).
Je länger er recherchiert, desto mehr fallen ihm Ungereimtheiten ins Auge. Der Thronfolger war in der bosnisch-serbischen Hauptstadt nur unzureichend geschützt, die Fahrtroute stand in allen Zeitungen, waren die Morde wirklich nur die Tat von drei Halbwüchsigen? Pfeffer erkennt, dass er in ein Hase-und-Igel-Spiel gedrängt wird, nur ist er der Hase, während die Igel zur deutsch-österreichischen Creme aus Diplomatie und Militär gehören.
Der Fernsehfilm „Das Attentat – Sarajevo 1914“ von Matrin Ambrosch (Buch, „Spuren des Bösen“) und Andreas Prochaska (Regie, „Das finstere Tal“) versteigt sich nicht zum Traktat: Schaut her, so und nicht anders ist es gewesen, wir haben neue Erkenntnisse, die Geschichte muss wenigstens in Details umgeschrieben werden. Das Erlebnis des Einzelnen, der Hauptfigur des (historisch belegten) Untersuchungsrichters Pfeffer, ist das prägende Element des Films. David wird Goliath nicht aufhalten können, aber hat er es versucht, mit seinen Mitteln. Es nicht geschafft zu haben, das ist seine Tragödie, tiefenverschärft durch den Verlust Marijas, die mit ihrem Vater nach Paris flieht. Könnte er mit? Pfeffer will seinen Aufklärungsweg zu Ende gehen. Er hat seine Aufgabe, er zahlt den Preis. Der Zuschauer sieht ihm in die Augen.
Es ist der große Vorzug der ZDF/ORF-Produktion, dass Fettnäpfchen voll falscher Gefühligkeit umgangen werden. Das ist kein Kostümschinken, keine Groteske der eisenfressenden Kriegstreiber in der Otto-Dix-Fratze. Die Unterströmung treibt die Erkenntnis nach oben, dass Menschen nicht nach ihren menschlichen Maßstäben agieren, sondern sich von beängstigenden Motiven leiten lassen. Krieg soll sein, „Serbien muss sterbien“. Pfeffer unterschreibt den offiziellen Bericht, und er schreibt einen zweiten.
Florian Teichtmeister spielt den Untersuchungsrichter, den Zivilisten unter den Militärs, der mit dem Fahrrad fährt, wo andere in Kutschen gefahren werden. Teichtmeister lässt seinen Pfeffer sichtbar nachdenken, Fahnder, Rechercheur, der bei Attentätern wie bei Vorgesetzten auf Einsicht drängt. Wer kann an einer Unwahrheit interessiert sein, wenn sie in die Katastrophe führt? Liebe wird in Zeiten des Mars zum Randgeschehen.
Melika Foroutan skizziert ihre Marija mit konzentrierten, verhaltenen Auftritten, die Serben müssen sich ducken, es gibt Pogrome, von den österreichischen Herren geduldet. Heino Ferch als Dr. Herbert Sattler, ein in Sarajevo gestrandeter Mediziner aus Berlin, steht für die Interessen des deutschen Kaiserreichs. Sattler ist ein Pragmatiker des Lebens, der in der Intrige, im aufkommenden Krieg seine Vorteile erkennt und auf der Seite der Macht mitspielt. Ferch gibt ihm die Unwucht des blitzgescheiten Gescheiterten, der sich mit Schläue aus dem Mauseloch seiner Existenz befreien wird. Der Krieg nimmt, der Krieg gibt – das Leben, das angenehme Leben gibt es nur einmal. Also her damit, ehe es zu spät ist.
Mit Andreas Prochaskas Historienthriller "Das Attentat - Sarajevo 1914" steht am Mittwoch, dem 23. April 2014, um 20.15 Uhr eines der großen Highlights des umfangreichen ORF-Programmschwerpunkts "Gedenkjahr 2014 - 100 Jahre Weltkrieg" (alle Infos unter presse.ORF.at) auf dem Programm von ORF 2. Darin schlüpft Florian Teichtmeister in die Rolle des
Untersuchungsrichters Leo Pfeffer, der nach dem Attentat von 1914 die verdächtigen serbischen Revolutionäre vernehmen und die Anklage vorbereiten soll - doch dabei stößt er auf Widersprüche und gerät auch in einen privaten Konflikt. "Durch diese Erzählperspektive wird der Zuschauer auf eine Reise mitgenommen, die die historischen Zusammenhänge emotional erlebbar macht", verrät Andreas Prochaska über seinen bereits vor der ORF-Premiere u. a. vom "Hollywood Reporter" vielbeachteten Film, an dessen Beginn sich der Regisseur die Frage stellte: "Was kann an einer Geschichte spannend sein, deren Ausgang allgemein bekannt ist?" Wie er sie beantwortet hat, erfährt das ORF-Publikum in der packenden, 100-minütigen Reise in das Jahr 1914, in deren Mittelpunkt sowohl die fiktionale Aufarbeitung der Geschichte sowie die dokumentarische Belegung historischer Fakten stehen.
An der Seite von Florian Teichtmeister spielen Melika Foroutan, Heino Ferch (dreht derzeit den fünften Teil von "Spuren des Bösen" in Wien), Erwin Steinhauer, Juergen Maurer, Friedrich von Thun und Eugen Knecht. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Martin Ambrosch ("Spuren des Bösen"). Gedreht wurde im Spätsommer 2013 in Tschechien und Wien.
Am Donnerstag, dem 24. April, um 21.05 Uhr in ORF 2 ist mit "Menschen & Mächte: Der Weg in den Untergang" ein weiteres Programmhighlight des ORF-Programmschwerpunkts "Gedenkjahr 2014 - 100 Jahre Erster Weltkrieg" zu sehen. Die Dokumentation von Robert Gokl und Leo Bauer zeigt, wie das Attentat in Sarajevo als Anlass für einen Krieg gegen Serbien missbraucht wurde, wie daraus ein Weltkrieg entstehen konnte und wie Österreich-Ungarn diesen Krieg an der Serbienfront führte - rücksichtslos, bis hin zu schweren Kriegsverbrechen.
Andreas Prochaska: "Die Reise in eine andere Zeit ist grundsätzlich interessant". "Es ist schon etwas anderes, etwas rein Fiktionales zu machen, als zu versuchen, sich einem historischen Ereignis dieser Größenordnung anzunähern. Ich empfinde das als große Verantwortung, habe aber gleichzeitig versucht, mich davon auch nicht erschlagen zu lassen. Das, was es hoffentlich ist, ist ein spannender Film, der dem, was man zu dem Thema zu kennen glaubt, noch etwas dazuaddiert", so Regisseur Andreas Prochaska. Über die Vorbereitungen: "Der Erste Weltkrieg und dessen Ursachen sind etwas, was mich schon lange interessiert. Ich habe einige Bücher dazu gelesen und versucht, so viel wie möglich aufzusaugen und gleichzeitig im entscheidenden Moment zu vergessen, weil es keine Dokumentation, sondern ein Thriller ist." Was Fiktion und was Realität ist? "Wir bewegen uns im Rahmen der historischen Möglichkeiten. Durch die Perspektive von Leo Pfeffer, dem Untersuchungsrichter, auf dieses Ereignis kann man natürlich andere Wege gehen, als wenn man versucht, das als Historiker im Detail zu betrachten. Und die Wege, die Leo Pfeffer
geht und die wir mit ihm gehen, führen uns in Ecken, die in dem Kontext noch nicht beleuchtet wurden. Was ich mir jedenfalls wünsche, was man mit dem Film erreichen könnte, wenn man ihn sich anschaut, ist, dass man das Bedürfnis verspürt, sich noch weiter damit zu beschäftigen. Man versucht als Filmschaffender immer, auf Reisen zu gehen, und die Reise in eine andere Zeit ist einfach grundsätzlich interessant. Das, was über dem ganzen Film liegt, ist Abschied - das Ende einer Epoche und der Beginn von etwas Ungewissem."
Florian Teichtmeister: "Leo Pfeffer hat es gegeben"
"Leo Pfeffer hat es gegeben. Der Mann, der die Verhöre mit den Attentätern geführt hat, hieß Leo Pfeffer. Es gibt diese Unterschrift unter den Protokollen, es ist historisch verbürgt, dass Leo Pfeffer
mit den Attentätern gesprochen hat", so Florian Teichtmeister über seine Rolle und weiter: "Mit den unzweifelhaften Fakten der historischen Ereignisse war ich bereits vorab vertraut. Neu für mich
war der Blickwinkel, aus dem sich jene Ereignisse in diesem Film darstellen. Es lassen sich bis heute einige Fragen zu den Vorgängen um das Attentat nicht eindeutig beantworten, was Raum für Spekulation lässt. Und diesen Raum versuchen wir mit spannenden und durchaus erschreckenden Einblicken in das Zusammenspiel von Macht und Intrigen in dieser heiklen Phase der europäischen Geschichte zu füllen." Über seine Figur verrät Teichtmeister: "Das Spannungsverhältnis zwischen der Kriegslust und der Angst davor, vorschnell ein Urteil zu fällen und eine Anklage zu unterschreiben und damit einen Prozess in Gang zu setzen, der vielleicht nicht zu 100 Prozent auf sicheren Beinen steht - genau dazwischen ist die Figur zu Hause. Dazu kommt, dass Leo Pfeffer eine persönliche Geschichte hat und sein privates Leben und die Menschen retten will, die er liebt. Die Geliebte ist Serbin, und Leo ist dazu angehalten, eine Anklage gegen die Serben zu verfassen, die den Krieg angezettelt haben sollen - da schlagen zwei Herzen in der Brust."
Melika Foroutan: "Er kämpft gegen den Ausbruch eines Weltkriegs"
"Der Film ist ein Thriller der besonderen Art: Der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer hält das Schicksal der ganzen Welt in seinen Händen. Er will die Wahrheit ans Licht bringen, doch gleichzeitig ist er einem enormen Druck ausgesetzt, zum Abschluss seiner Ermittlungen zu kommen. Das Genre des Ermittlerfilms wird hier verdichtet: Der Held kämpft nicht nur gegen die eigene Behörde, er
kämpft gegen den Ausbruch eines Weltkriegs."
Heino Ferch: "Das Attentat in Sarajevo 1914 markiert einen der großen historischen Wendepunkte"
"Ich durfte ja bereits in vielen historischen Filmen mitwirken, aber diesmal war es doch etwas Besonderes. Denn das Attentat in Sarajevo 1914 markiert ja einen der großen historischen Wendepunkte. Die Gestaltung einer glaubwürdigen, nachvollziehbaren Rolle in einem solchen Umfeld ist natürlich eine Herausforderung. Da hat es sehr geholfen, dass wir ein tolles Team waren, und besonders hat es mich gefreut, dass ich wieder mit dem Regisseur Andreas Prochaska und dem Drehbuchautor Martin Ambrosch zusammenarbeiten konnte, deren Kreativität und Vertrauen ich sehr schätze."
Mit Florian Teichtmeister (Leo Pfeffer), Melika Foroutan (Marija Jeftanovic), Heino Ferch (Dr. Herbert Sattler), Mateusz Dopieralski (Nedeljko Cabrinovic), Edin Hasanovic (Danilo Ilic), Eugen Knecht
(Gavrilo Princip), Simon Hatzl (Polizeichef Strametz), Friedrich von Thun (Sektionsrat Wiesner), Erwin Steinhauer (Oskar Potiorek), Juergen Maurer (Justizchef Fiedler), Martin Leutgeb (Polizist
Schimpf), Dominik Warta (Peter Dörre), Karin Lischka (Frau Ofner), Juraj Kukura (Stojan Jeftanovic), Kasem Hoxha (Polizist Stadler Fritz), Michaela Ehrenstein (Sophie), Reinhard Forcher (Franz
Ferdinand), Michael Menzel (Sekretär Körner) u. a.
"Das Attentat Sarajevo 1914" ist eine Produktion der DOR Film Produktion für ORF und ZDF, gefördert von Fernsehfonds Austria und Filmfonds Wien und mit Beteiligung durch BETA Film GmbH.